Ausgrabungen in Mommenheim

Infanteriestellung aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt

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Fort Biehler Fort Bingen Festungsbahn in Nieder-Olm Infanterieraum in Zornheim
Die Festungsstadt am Rhein
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Ausgrabungen in Mommenheim: Reste der Festung Mainz entdeckt

24. Mai 2014 - Vorsichtig greift die große Schaufel des Baggers in die Erde. Zentimeter für Zentimeter werden freigelegt und dann ist es soweit. Die Baggerschaufel kratzt auf Beton und es steht fest, dass es an dieser Stelle nicht tiefer in die Erde gehen wird. Normalerweise wäre das für den Baggerführer ein Problem. Heute aber ist das anders. Am 14. Mai war dieser Widerstand in der Erde ein Anlass zur Freude. Denn worauf der Bagger gestoßen war, waren gesprengte Betonreste eines Infanteriestützpunktes der Festung Mainz aus dem Ersten Weltkrieg. Wie kam es zu dieser denkwürdigen Entdeckung?

Ausgrabungen in Mommenheim: Reste der Festung Mainz entdecktIm Frühjahr 2014 hatte das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinhessen-Nahe-Hunsrück ein Flurbereinigungsverfahren in Mommenheim eingeleitet, bei dem Grundstücke zusammengelegt werden sollten, weil sie zu klein, unwirtschaftlich geformt oder zersplittert gelegen waren. Viele dieser Grundstücke werden für den Weinbau genutzt. Als das DLR als eine der ersten Maßnahmen die alten Rebstöcke beseitigt und die Oberflächen eingeebnet hatte, wurde die Zornheimerin Hiltrud Hollich auf die Maßnahme aufmerksam. Die rheinhessische Kultur- und Weinbotschafterin und Mitautorin des "Bollwerk Mainz – Die Selzstellung in Rheinhessen", ein Buch zur Festungsgeschichte der Region im Ersten Weltkrieg, erkannte schnell, dass unter einem größeren Hügel des Geländes die Überreste eines Festungswerks liegen mussten. Nachfragen beim DLR ergaben, dass dort von einer Festung nichts bekannt war. Diese hatten auch keine Hinweise von der Generaldirektion Kulturelles Erbe erhalten. Schnell war jedoch die Idee, an der bezeichneten Stelle einmal nachzuschauen.

Hiltrud Hollich war es in der Zwischenzeit gelungen, den Geschichtsverein "Historia Mommenheim" mit ins Boot zu holen. Am 14. Mai trafen sich alle Beteiligten auf der Höhe zwischen Mommenheim und Zornheim. Am Anfang gab es vereinzelt noch Skepsis. Nachdem vor Ort aber 60 cm Erde weggeschaufelt waren, stieß der Bagger auf die von Hiltrud Hollich erwarteten Betonreste. Eine Stunde später bot die Ausgrabungsstelle ein beeindruckendes Bild. Mächtige Betonbrocken mit Eisenarmierungen waren freigelegt worden und vermittelten einen Eindruck von der Größe des früheren Festungswerkes.

Karte mit den Standorten der Festungswerke zwischen Zornheim und MommenheimDie jetzt gefundenen Reste gehörten zum Infanteriestützpunkt 60 (ISP 60) des äußeren Verteidigungsrings der Festung Mainz. Dieser erstreckte sich von Ingelheim über Wackernheim, Nieder-Olm, Ebersheim bis nach Hechtsheim. Neben mehr als 350 modernen Festungswerken gehörten zu der Selzstellung mehrere Lagerplätze, Wasserwerke und Fernmeldestationen. Die Versorgung und der Nachschub waren durch ein militärisches, über 40 km langes Straßen- und Bahnnetz sichergestellt. Auf einer Linie von Zornheim, Mommenheim und Nierstein entstanden vorgeschobene Stellungen mit betonierten Infanterieräumen und mehreren ausgebauten Feldstellungen.

"Was wir hier heute gesehen haben, ist Heimatgeschichte zum Anfassen", freuten sich mehrere Zuschauer der Ausgrabung. Andere wirkten trotz des spektakulären Ereignisses auch sehr nachdenklich. "Infanteriestellungen für den Ersten Weltkrieg vor unserer Haustür und niemand hat hiervon etwas gewusst", brachte eine Zuschauerin ihre Gefühle auf den Punkt.

Zu sehen von den mächtigen Betonbrocken war allerdings bereits mehrere Stunden nach der Aktion nichts mehr. Das Grundstück soll nach den Plänen des DLR auch weiterhin mit Weinreben bestückt werden. Deshalb mussten die Betonreste wieder mit Erde überdeckt werden.

Für den Mommenheimer Geschichtsverein war das Ereignis ein willkommener Anlass, die Bevölkerung über die Funde und die damit verbundene Geschichte zu informieren. Bei einer bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltung informierten Hiltrud Hollich, Elke Tautenhahn und Dr. Rudolf Büllesbach am 23. Mai 2014 über die Kriegsvorbereitungen und die Festungswerke in Mommenheim. "Der Krieg in den rheinhessischen Weinbergen war von den Militärs eingeplant und in Mommenheim haben wir es jetzt hundert Jahre später sehen können", war eine der Erkenntnisse dieser Veranstaltung. Damit bei diesem Thema aber auch weiterhin "Geschichte zum Anfassen" in Mommenheim möglich bleibt, hat der Geschichtsverein drei größere Betonfragmente zwischengelagert. "Diese sollen nach Abschluss der Flurbereinigung dazu verwendet werden, an diesen Teil der Mommenheimer Geschichte zu erinnern", kündigt der Geschichtsverein "Historia Mommenheim" auf ihrer Internetseite an. Geplant ist auch ein ein Informationstafel, die vor Ort an die historische Bedeutung dieses Festungsabschnittes erinnern wird.

 

 

"Unsere Baustelle" - Mommenheim im August 1914

 

Mommenheim 1914 - Unsere BaustelleDas Bild zeigt eine Postkarte, die ein Soldat der in Mommenheim stationierten Festungskompanien im August 1914 verschickt hat. Auf der Vorderseite der Karte hat er handschriftlich den Hinweis angebracht: "Unsere Baustelle". Damit bezeichnet er einen Ort oberhalb von Harxheim, wo zu Beginn des Krieges einer von mehreren Infanteriestützpunkten gebaut wurde.

In der Pfarrchronik von Mommenheim findet sich ein Bericht des evangelischen Pfarrers über die Einquartierungen, die mit der Armierung der Festung Mainz verbunden war. Hier heißte es:

 

»Am frühen Morgen des 1. August erklangen am Pfarrtor Hammerschläge u. es wurden wie an anderen Stellen so auch hier der Mobilmachungsbefehl und die Erklärung des Kriegszustandes angeschlagen. Groß war die Erregung der Gemüter, besonders in den Familien, aus denen Angehörige ins Feld ziehen mußten. Die Einberufenen rückten nach und nach gemäß dem ihnen bestimmten Tag ohne besonderes Aufhebens ab. Letzteres wurde auch verhindert, daß auch Mommenheim wie die ganze Umgebung von Mainz alsbald eine starke Einquartierung erhielt. Bereits am 3. und 4. August rückten Arbeiterkompagnien und Fuhrparkkolonnen ein. Das Pfarrhaus erhielt eine Einquartierung von 20 Mann ... Die erste Einquartierung von 20 Mann (einschließlich Verpflegung) blieb 5 Wochen. Man kann sich denken, welche Arbeitslast dies bei der geringen Hilfe für die Pfarrfrau und die Pfarrtochter bedeutete. Eine entsprechende Einquartierung erhielten auch die anderen Häuser, so daß unser Ort eine zeitlang eine Belegung von mehr als 2000 Mann hatte, die also mehr betrug als das doppelte der Einwohnerzahl. Ein reges militärisches Leben erfüllte die ganze Gegend. Die Mannschaften zogen des Morgens auf die Höhe von Mainz, um Befestigungen anzulegen oder sie machten Übungsmärsche oder sie putzten die Pferde, wovon in der Pfarrscheuer längere Zeit 6-8 standen, u. ihre Sachen, oder sie wurden ausgemustert u. es gingen Transporte an die Front. Durch die starke militärische Belegung wurde das öffentliche Eigenleben in unserer Gemeinde geradezu unterdrückt (...) Die starke Belegung brachte auch einen immer mehr wachsenden starken Verkehr, indem die Angehörigen der hier liegenden Mannschaften soweit diese nicht in Urlaub durften, sie zu besuchen kamen. Es waren oft Scharen von mehreren Hunderten, die besonders am Sonntag um die Mittagstunde mit der Bahn kamen«.

 

2.000 Soldaten und Hunderte von Familienangehörigen in einem kleinen rheinhessischen Ort mit weniger als 1.000 Einwohnern. Es bedarf keiner Phantasie, um sich vorzustellen, mit welchen Einschränkungen die Bevölkerung in den ersten Monaten des Krieges leben mussten.

(Quelle des Fotos: Festungsarchiv "Militärstempel in Rheinhessen 1914 – 1918", Jürgen Lemke, Undenheim)

 

 

 

Infanterieraum - Ein Festungswerk der Selzstellung

 

Infanterieraum der SelzstellungAm 14. Mai 2014 wurden in Mommenheim die Reste eines Infanterieraum ausgegraben. Solche Infanterieräume gab es nicht nur im Bereich der Festung Mainz entlang der Selzstellung, sondern sie waren Bestandteile aller Festungen im Deutschen Reich.

Ein Infanterieraum (Bild links) war Bestandteil eines Infanteriestützpunktes. Ein während des Krieges gebauter Infanteriestützpunkt der Selzstellung bestand aus verschiedenen betonierten Werken, nämlich

  • einem Infanterieraum,
  • meistens drei unmittelbar davor oder seitlich liegenden Unterständen und
  • einem Wachtraum.

Hinzu kamen bei einigen Infanteriestützpunkten in Zornheim noch betonierte Artillerie-Beobachter und ein betonierter MG-Raum. Zu einem Infanteriestützpunkt gehörte ein Schützengraben.

 

In dem Buch "Bollwerk Mainz" sind diese Festungswerke mit Bildern und Plänen ausführlich beschrieben. Zu den Infanterieräumen findet sich dort folgende Beschreibung.

(Quelle der Fotos: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes)

 

(Auszug aus dem Buch "Bollwerk Mainz")

Die Infanterieräume waren kleine Kasernen und die Mittelpunkte der Infanteriestützpunkte. Sie wurden ursprünglich auch als »Untertreteräume« bezeichnet. Diese Bezeichnung verlor zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Übergang der Bauanlagen zu bombensicheren Kasernen ihre Bedeutung. Gebaut wurden in Rheinhessen entlang der Hauptstellung insgesamt 59 Infanterieräume aus Beton. Entlang der vorgeschobenen Stellungen gab es weiterhin mindestens 25 Infanterieräume aus Holz. Unabhängig von ihrer Bauweise dienten sie als Schlaf- und Schutzräume von Infanteristen, die ihren Kampfauftrag außerhalb dieser Gebäude zu erfüllen hatten.

Auf den Karten oder Bildern des Entfestigungsamtes sind die betonierten Infanterieräume als IR oder I-Räume gekennzeichnet. Von der Befestigungsgruppe Heidenfahrt bis zur Befestigungsgruppe Bodenheim tragen sie durchlaufend die Nummern IR 1 bis IR 43. Fortgesetzt wird die Nummerierung in Zornheim. Hier beginnt diese an der Straße nach Nieder-Olm mit dem IR 44 und endet in Richtung Mommenheim mit dem IR 60.

43 Infanterieräume waren für die Unterbringung von jeweils zwei Zügen vorgesehen. Neben diesen großen Infanterieräumen gab es in den Befestigungsgruppen Ebersheim, Harxheim und der vorgeschobenen Stellung Zornheim noch je acht nebeneinander liegende Infanterieräume für 1 1/3 und 2/3 Züge, von denen je zwei sich zu zwei Zügen Belegung ergänzten. Hinzu kam auch dort ein dritter Zug, der in den Unterständen, Wachträumen und den Schützengräben untergebracht war.

Die Grundflächen für die großen Infanterieräume betrugen 36,86 m x 9,20 m, für die mittelgroßen Infanterieräume 26,50 m x 10,19 m und für die kleinen Infanterieräume 23,10 m x 8,21 m. Die großen Infanterieräume bestanden aus neun gleich großen, teilweise aber in verschiedene Bereiche unterteilte Innenräume mit einem Grundriss von 4,95 m x 2,90 m sowie einer Höhe von 2,34 m bzw. 2,53 m. Insgesamt fanden in diesen Räumen 170 Soldaten Platz, wobei die eine Hälfte liegend und die andere sitzend untergebracht war. Dabei war für jeden Soldaten ein Platz mit 0,50 m eingerechnet. Zusammen hätten damit in den großen IR mehr als 170 Soldaten, Offiziere und Mannschaften Platz gefunden.

Die großen Infanterieräume besaßen sechs Eingänge, die auf drei mit kleinen Türen verbundene Flure führten. Von diesen führten insgesamt zehn hölzerne, mit Stahlblech beschlagene Luftdrucktüren zu den einzelnen Räumen. Deren Innentüren waren gegenüber den Türen nach außen versetzt angebracht. Bei einer Explosion außerhalb des Gebäudes konnte die Druckwelle so nicht in einen Raum, sondern lediglich gegen eine Zwischen- oder Außenwand treffen. Die innere Flurwand und die äußere rückwärtige Wand bestanden aus Eisenbeton.

Eine natürliche Lüftung sorgte für den Luftaustausch. Beheizt wurden die Räume durch Öfen. Fast alle Infanterieräume waren an die militärische Wasserversorgung angeschlossen und verfügten innen über Zapfstellen. Als Alarmeinrichtung gab es Klingeln. Die mechanischen Klingelzüge sowie die elektrischen Klingelleitungen befanden sich in Aussparungen jeweils in der hinteren Wand des Fernsprech- und Offizierraums. Für den sogenannten »kleinen Alarm« gab es in allen Räumen der Festungswerke Sprachrohrleitungen, Mundstücke mit Pfeife und Klingelleitungen mit einer kleinen Glocke. Im Flur waren große Glocken angebracht, die für den sogenannten »großen Alarm« genutzt werden konnten.

 

 

Schleifung der Festung Mainz

 

Gesprengte Reste des Infanterieraums IR 60Alle Infanterieräume wurden nachdem Ersten Weltkrieg gesprengt. Auf dem Bild links ist der gesprengte Rest des Infanterieraums 60 zu sehen, der im Mai 2014 ausgegraben wurde.

 

 

Mehr Informationen zur Schleifung nach dem Versailler Vertrag, hier

 

 

 

Mehr Informationen

 

Allgemeine Zeitung vom 21. Mai 2014: "Mommenheimer Flurbereinigung stößt auf Teile der Selzstellung", lesen

 

Auszug aus dem Artikel

"Das ist Regionalgeschichte", freut sich Elke Tautenhahn, als die Bagger ihre Arbeit aufnehmen. Oben im Mommenheimer Weinberg, kurz hinter der Gemarkungsgrenze nach Zornheim, führt das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) derzeit eine Flurbereinigung durch. Dabei stoßen die Bagger immer wieder auf massive Betonblöcke – genau wie Tautenhahn es prophezeit hatte (...) Im Zuge der Planfeststellung seien keine Hinweise auf die Selzstellung eingegangen, betont Bauingenieur Markus Sigmundt vom DLR – auch von der Generaldirektion kulturelles Erbe nicht. Ohne die Arbeit des Forscher-Trios hätten sich die Baggerfahrer vermutlich über die Betonblöcke gewundert und nicht gewusst, dass sie in Verbindung mit einem der mindestens sieben Infanterieräume standen, die in vorgezogener Stellung zwischen Mommenheim und Nierstein entstanden waren. "

 

 

Carl-Brilmayer-GesellschaftMehr zum Geschichtsverein "Historia Mommenheim", hier

 

 

 

Mehr Veranstaltungen zum Ersten Weltkrieg, hier

 

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»Die Geschichte von Mainz ist in der ältesten Zeit ausschließlich, in der späteren vorwiegend, eine Geschichte seiner Festung und Garnison. Seit nahezu zweitausend Jahren das stärkste Bollwerk und mächtigstes Waffenlager am Rhein, ward Mainz der Schauplatz so vieler Kämpfe, Belagerungen und Kriegsnöte wie keine andere Stadt auf deutscher Erde. Soldaten aus fast allen Ländern der Welt sind im Lauf der Jahrhunderte durch seine Tore gezogen und auf seinen Wällen standen die berühmtesten Feldherren Europas von Drusus bis zu Gustav Adolf, Prinz Eugen, Napoleon und Moltke« (Börckel, 1913)